• Artikel aus Monat:

  • Artikelkategorien

  • open panel

„Hauptsache heftige Herzmassage!“

Anästhesist Böttiger im Interview

Jährlich sterben fast 70.000 Menschen in Deutschland, weil bei ihnen die Wiederbelebung versagt. Im Interview erklärt Professor Bernd Böttiger, wie 10.000 Thesen das ändern sollen – und was Ärzte von den Bee Gees und Daft Punk lernen können.

Das Interview führte Thomas Meißner
23041401

Heftige Thoraxkompression – fordern Experten für die Wiederbelebung.
© Friso Gentsch / dpa

Ärzte Zeitung: Herr Professor Böttiger, Sie und Ihre Kollegen haben kürzlich „10 Thesen für 10.000 Leben“ aufgestellt. Sie sind demnach überzeugt, dass man drei Mal so viele Patienten mit Herz-Kreislauf-Stillstand retten könnte wie derzeit. Daraus könnte man folgern, dass die Rettungskette in Deutschland einige schwache Glieder hat. Ist dem so?

Professor Bernd W. Böttiger: Wir haben eines der besten Notarztsysteme der Welt, was uns allerdings fehlt, ist eine Kultur der gegenseitigen Hilfe. Wenn in skandinavischen Ländern jemand einen Herz-Kreislauf-Stillstand erleidet, fangen 60 bis 70 Prozent der Zeugen mit Wiederbelebungsmaßnahmen an, bei uns in Deutschland sind es weniger als 20 Prozent.

Das bedeutet, wenn das Rettungsteam eintrifft, ist es für die meisten Patienten schon zu spät. Denn das Gehirn ist schon irreversibel geschädigt. Da können die folgenden Glieder der Rettungskette so gut sein wie sie wollen, und auch diese können und müssen sich an vielen Stellen noch verbessern.

Sie sprechen mit Ihrer Initiative also die deutsche Bevölkerung an?

Böttiger: Die Initiative „10 Thesen für 10.000 Leben“ ist sehr breit und interdisziplinär aufgestellt und richtet sich an Laien wie Profis, Fachkreise wie politische Entscheider. Beteiligt sind außer dem Deutschen Rat für Wiederbelebung (GRC) auch die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI), der Berufsverband Deutscher Anästhesisten (BDA) und das Deutsche Reanimationsregister.

Außerdem waren bei den Bad Boller Reanimationsgesprächen Anfang dieses Jahres Vertreter der Krankenkassen, Politiker sowie Vertreter von Hilfsorganisationen und weiterer medizinischer Fachgruppen dabei.

Ich persönlich glaube fest, dass wir die Zahl der Menschen, die jährlich in Deutschland erfolgreich wiederbelebt werden, verdreifachen könnten. Denn genau das haben uns die Dänen vorgemacht, und zwar mit einem vor Jahren eingeführten verpflichtenden Reanimationstraining in Schulen und weiteren Maßnahmen (JAMA 2013; 310: 1377). Wir können das in Deutschland auch schaffen und fünf- bis zehntausend Leben zusätzlich pro Jahr retten.

Und dazu muss die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes überbrückt werden?

Böttiger: Dies vor allem auch. Aus dem Deutschen Reanimationsregister wissen wir, dass 60 bis 70 Prozent der Fälle mit Kreislaufstillstand bezeugt sind! Die anwesenden Personen könnten und müssten also mit Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen.

Zwei unserer zehn Thesen lauten: „Jeder kann ein Leben retten“ und „Wiederbelebung ist kinderleicht“. Deswegen sind wir dafür, zwei Unterrichtsstunden pro Schuljahr Wiederbelebung bei Kindern ab zwölf Jahren zu trainieren unter dem Motto „Leben retten ist cool“.

Wir wollen, dass die Laienreanimation verinnerlicht und positiv besetzt wird. Wer das bereits als Kind lernt, für den wird das richtige Handeln im Falle eines Herz-Kreislauf-Zustands lebenslang eine Selbstverständlichkeit sein.

Also kein mehrstündiger Kurs Wiederbelebung wie für den Führerschein?

Böttiger: Nein, es geht um das praktische Trainieren weniger Handgriffe und Maßnahmen. Das können Sie in einer halben bis Dreiviertelstunde realisieren und in Jahresabständen wiederholen.

Für die Integration in den Unterricht bräuchte es einen Beschluss der Kultusminister. Nach dem Schneeballprinzip lernen das zunächst die Lehrer – dabei helfen wir ihnen sehr gerne – und diese geben das Wissen an ihre Schüler weiter.

Untersuchungen, unter anderem aus Münster, aus Rostock und aus Aachen, haben gezeigt, dass Lehrer das mindestens genauso gut können wie Ärzte und Rettungsassistenten. Ein entsprechendes Ausbildungskonzept hat das GRC bereits vor einem Jahr publiziert.

Durch die Presse ging der Fall eines herzkranken zwölfjährigen Jungens, der auf einem Bolzplatz seiner Schule in Hennef zusammengebrochen und von einem 16-jährigen Mädchen erfolgreich reanimiert worden war…

Böttiger: Ich habe diese beiden Kinder und ihre Eltern kennen gelernt. Ich muss sagen, kaum etwas hat mich in meinem Berufsleben mehr berührt. Ich habe Sie dann unter anderem mit nach Brüssel genommen, um beim EU-Kommissar für Gesundheit Werbung für Reanimationstraining an Schulen zu machen.

Des Weiteren fordern Sie eine telefonische Anleitung zur Wiederbelebung durch die Leitstellen, und zwar flächendeckend in ganz Deutschland. Wie stellen Sie sich das vor?

Böttiger: In den weltweit abgestimmten Reanimationsleitlinien haben wir diese so genannte „Telefonreanimation“ empfohlen. Es gibt bestimmte Abfrageprotokolle und Algorithmen für Leitstellen, wie mit Anrufern kommuniziert wird und wie sie zur Reanimation angeleitet werden können, bis der Notarzt eintrifft.

Diese Dokumente finden sich ebenfalls auf unserer Homepage. Der Leitstellendisponent beruhigt zunächst den oft aufgeregten Anrufer. Dieser ist in der Regel dankbar, wenn er in der Zeit, bis das Rettungsteam eintrifft, nicht alleine gelassen wird.

Der Disponent erklärt mit einfachen Worten, wie der Ersthelfer, wenn er möchte, effektive Thoraxkompressionen ausführen kann – allein dies erhöht die Überlebenschance deutlich.

Können die Leitstellen das denn personell umsetzen?

Böttiger: Viele Leitstellen haben das bereits umgesetzt oder sind gerade dabei. Soweit ich weiß, will man das in Bayern landesweit verpflichtend einführen.

Man sollte sich Folgendes vor Augen führen: Um ein Leben zu retten, braucht es nach statistisch begründeten Schätzungen lediglich 40 solcher telefonisch angeleiteten Reanimationen. Nehmen wir die durchschnittliche Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes, müssen nur etwa bis zu 400 Minuten Arbeitszeit eines Leitstellendisponenten investiert werden, um ein Menschleben zu retten!

Auch in kleinen Leitstellen mit nur ein oder zwei Mitarbeitern ist das umsetzbar, indem im Falle einer telefonisch angeleiteten Reanimation zum Beispiel dieser oder weitere Anrufe automatisch an eine andere Leitstelle weitergeleitet werden.

Mit klaren Konzepten und ein paar Vorgaben der Innenministerien der Länder wäre dies innerhalb eines Jahres flächendeckend umsetzbar.

Mit welchem Effekt?

Böttiger: Allein damit würden wir pro Jahr wahrscheinlich bis zu tausend Menschen mehr als bislang das Leben retten – bei minimalem Aufwand!

Vergleichen Sie das zum Beispiel mit den aufwändigen präventiven Maßnahmen zum Schutz des Lebens im Straßenverkehr: Leitplanken, betonierte Mittelstreifen auf den Autobahnen, nicht zu reden von den sicherheitstechnisch hochgerüsteten Autos.

Wenn wir die Erfolge in Bezug auf die jährlichen Verkehrstoten im Vergleich zu den 1970er-Jahren sehen, war das richtig. Im Jahre 2012 hatten wir etwa 3600 Tote im Straßenverkehr, aber schätzungsweise 70.000 Tote nach erfolgloser Reanimation infolge eines Herz-Kreislauf-Stillstands. Das sind 200 pro Tag, 200 Tote, weil nicht erfolgreich reanimiert worden ist.

Darum hat sich lange niemand gekümmert, weil es nicht so spektakulär ist wie ein Geisterfahrer auf der Autobahn oder wie ein Flugzeugabsturz. Das wollen wir ändern. Es muss tatsächlich zu einer Zeitenwende kommen, vor allem auch im ersten Glied der Rettungskette, also bei den Ersthelfern, sowie mit der flächendeckenden Einführung der telefonisch angeleiteten Reanimation!

„Regelmäßiges Training für die Profis verbessert die Qualität der Reanimation“, heißt es in Ihrem Thesenpapier. Was ist das für ein Training?

Böttiger: Gemeint sind regelmäßige Reanimationskurse in den Krankenhäusern, und zwar keine theorielastigen mehrtägige Fortbildungen. Nein, es geht um ein praktisch ausgerichtetes, regelmäßiges Training von vielleicht einer Dreiviertelstunde: Thoraxkompression, Beatmung mit Beatmungsbeutel und Sauerstoffflasche und ähnliches mehr sowie das Zusammenwirken im Team.

Das European Resuscitation Council (ERC) hat dazu Kurse entwickelt, die vom GRC ins Deutsche übersetzt worden sind. Im GRC verfassen wir derzeit ein „Weißbuch Reanimation“, in dem wir klare Empfehlungen geben werden, was Krankenhäuser unternehmen müssen, um die notwendige Qualität und Nachhaltigkeit zu erreichen.

Langfristiges Ziel ist es, dass sich Krankenhäuser mit einem qualitätsgesicherten Reanimationskonzept zertifizieren lassen können. Ende 2014 werden die entsprechenden Kriterien erarbeitet sein.

Nun haben wir über die Reanimation durch Ersthelfer und im Krankenhaus gesprochen. Wie sieht aus Ihrer Sicht eine gute Vorbereitung des Teams einer Arztpraxis auf Notfälle und Reanimationen aus?

Böttiger: Alle Praxismitarbeiter sollten in regelmäßigen Abständen Wiederbelebungsmaßnahmen trainieren, und zwar als Teamtraining. Entsprechende Angebote gibt es. Fällt jemand in der Praxis um, müssen alle sofort wissen, was zu tun ist.

Ich spreche zunächst nur von einfachsten Mitteln der Reanimation, mit denen ein Menschenleben gerettet werden kann: Zustand prüfen, Rettungsdienst rufen, drücken! Drücken zum Beispiel mit dem Bee-Gees-Song „Stayin‘ alive“ im Kopf, dann kommt man etwa auf eine Frequenz von 100-120/min – jüngeren Kollegen kann man „Get lucky“ von Daft Punk/Pharrell Williams empfehlen.

Daneben erwarte ich, dass ein Arzt und Zahnarzt beatmen kann, optimalerweise mit Maske und Beatmungsbeutel sowie mit Sauerstoffzufuhr. Wer kann, sollte natürlich auch einen venösen Zugang legen. Außerdem steht es heute jeder Praxis gut, wenn zumindest ein halbautomatischer oder automatischer Defibrillator vorgehalten wird.

Venöser Zugang und Defi sind sicher eher Kür als Pflicht. Letztlich darf nichts dazu führen, dass die Herzdruckmassage unterbrochen wird, weil man mit irgendetwas nicht zurechtkommt. Es gilt der Slogan: „Hauptsache heftige Herzmassage!“

Was halten Sie von mechanischen Reanimationshilfen?

Böttiger: Sie liefern keine besseren Ergebnisse als die manuelle Reanimation, manche sind im Trend sogar schlechter. Bei unzureichender Übung braucht es schon einmal zwei bis drei Minuten, bis das Gerät angeschnallt ist, dann ist es vielleicht doch falsch angebracht und arbeitet ineffektiv. Jede verlorene Minute verschlechtert die Prognose um mindestens zehn Prozent.

Ich sage: Nehmen Sie die Hände, das kann wirklich jeder! Wechseln Sie sich alle zwei Minuten ab und machen Sie keine Pause, bis der Notarzt kommt!

Etwa drei bis zehn Prozent aller Notarzteinsätze finden bei Palliativpatienten statt mit steigender Tendenz. Die Tätigkeit eines Notarztes ist bevorzugt kurativ ausgerichtet. Wie können ungewünschte Klinikeinweisungen vermieden werden?

Böttiger: Indem der Hausarzt mit Patienten und Angehörigen rechtzeitig bespricht, was in bestimmten Situationen der Zustandsverschlechterung geschehen sollte. Denn wenn der Notarzt gerufen wird, kennt dieser den Patienten meist nicht und muss innerhalb bestimmter gesetzlicher Rahmenbedingungen handeln.

Es passiert leider immer wieder, dass todkranke Patienten gegen ihren Willen auf die Intensivstation kommen, womöglich sogar beatmet werden. Und nach ein paar Stunden tauchen die Angehörigen auf, die uns mitteilen, dass eine Patientenverfügung existiere und keine künstliche Lebensverlängerung erwünscht sei.

Eine andere Situation ist die, wenn ein Palliativpatient plötzlich zu Hause sehr starke Schmerzen hat und weder Hausarzt noch der ärztliche Notdienst verfügbar sind. Dann kann es durchaus geboten sein, den Notarzt um Hilfe zu bitten, wenn es auch wünschenswert wäre, diese Aufgaben anders zu lösen.

Leider sehen wir jedoch eher eine Zunahme solcher Situationen, in denen der Notarzt dann natürlich für andere potenzielle Einsätze nicht mehr zur Verfügung steht.

Welches ist im Zusammenhang mit Ihrer Initiative der nächste Höhepunkt?

Böttiger: Die Woche der Wiederbelebung vom 22. bis 29. September 2014. Im vergangenen Jahr haben wir an der Uniklinik in Köln 700 Schüler trainiert, die waren restlos begeistert. Und die Lehrer auch. Landesweit gab es mehr als 400 Aktionen sowie einen Weltrekord: In Münster wurden fast 12.000 Schüler gleichzeitig in Reanimation unterrichtet.

Weitere Informationen unter:www.grc-org.de; www.einlebenretten.de; www.reanimationsregister.de

 
© 2017 CARDIOHILFE